The Dreamers: Was Räume, Filmzitate und die Träume von 1968 erzählen
Drei junge Menschen ziehen sich in eine Pariser Wohnung zurück, während draussen um eine andere Gesellschaft gestritten wird. In The Dreamers, auf Deutsch Die Träumer, macht Bernardo Bertolucci aus dieser Gegenüberstellung mehr als eine Geschichte über Kinobegeisterung. Der Film von 2003 fragt, ob Bilder helfen, das eigene Leben zu verstehen – oder ob man sich hinter ihnen verstecken kann. Fotografisch interessiert mich daran besonders der Raum: Wer darf hinein, wer bleibt am Rand, und wann wird Nähe zu Enge?
Eine Wohnung ist nicht bloss Hintergrund
Für eine eigene fotografische Arbeit würde ich daraus zunächst eine einfache Frage nehmen: Was erzählt die Umgebung über die Menschen im Bild? Probiere das zuerst mit deiner vorhandenen Kamera und dem vorhandenen Zoom. Wenn du eine passende Ausrüstung suchst, sind ein Einstieg mit Zoom und die Ergänzung eines bereits vorhandenen Canon-RF-Gehäuses zwei unterschiedliche Entscheidungen.
Canon EOS R50 mit RF-S 18–45mm F4.5–6.3 IS STM

Für den Einstieg ohne vorhandene Systemkamera: Das Kit enthält die schwarze R50 und das passende RF-S-Zoom. Das Zoom erreicht nicht F1.8; bei wenig Licht ist es daher kein gleichwertiger Ersatz für eine lichtstarke Festbrennweite. Für vorhandene R10-/R50-Besitzer ist keine zweite Kamera nötig.
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Du kannst damit erst ausprobieren, wie viel Raum du zeigen möchtest, statt sofort mehrere Festbrennweiten zu kaufen.
Canon RF 24mm F1.8 Macro IS STM

Für Besitzer einer Canon R10 oder R50, die eine Person mit ihrer Umgebung zeigen möchten. Das Objektiv passt ohne Adapter an den RF-Anschluss und lässt an diesen APS-C-Kameras mehr vom Raum im Bild als das RF 35 mm. F1.8 bietet zusätzliche Lichtreserve; die Stabilisierung hält bewegte Menschen nicht still. Kaufe es erst, wenn der Ausschnitt mit dem vorhandenen Zoom passt.
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Matthew, ein Amerikaner in Paris, lernt die Geschwister Isabelle und Théo über ihre gemeinsame Liebe zum Kino kennen. Als deren Eltern verreisen, wird die Wohnung zum Mittelpunkt einer zunehmend abgeschlossenen Welt. Bertolucci führt damit nicht einfach vom öffentlichen Paris in ein gemütliches Zuhause. Die Figuren suchen Freiheit und schaffen zugleich eigene Regeln, Abhängigkeiten und Grenzen. Das Zimmer schützt sie vor der Aussenwelt; es kann sie aber auch voneinander abhängig machen.
Bei einem vereinbarten Porträt am Tisch können eine leere zweite Sitzgelegenheit, eine Tür oder der Abstand zur Wand wichtig werden.
Die Empfehlungen betreffen eigene Fotografien, nicht die Aufnahmetechnik von The Dreamers. Eine kürzere Brennweite nimmt vom gleichen Standort mehr Umgebung auf. Gehst du dafür näher an ein Gesicht, verändert sich zusätzlich die Perspektive. Das ist keine Eigenschaft, die man mit einem vermeintlich richtigen «Filmobjektiv» einfach einkauft. Im Vergleich des Canon RF 24 und RF 35 mm an APS-C trenne ich diese Platz- und Ausschnittfrage genauer.
Paris 1968: Kino gehört hier zur Politik
Die Proteste um Henri Langlois und die Cinémathèque française bilden einen konkreten historischen Bezug. Kino ist für diese Figuren ein gemeinsamer Ort und eine Sprache der Zugehörigkeit. Die Strasse bleibt deshalb nicht beliebige Kulisse für eine private Liebesgeschichte. Zwischen dem öffentlichen Aufbruch und dem Rückzug in die Wohnung entsteht vielmehr die zentrale Spannung: Wie viel verändert jemand tatsächlich, der sich bereits in seinen eigenen Bildern einer Revolution eingerichtet hat?
Die Bertolucci-Stiftung dokumentiert Credits und Hintergrund. Für die Kameraarbeit war Fabio Cianchetti verantwortlich, für das Szenenbild Jean Rabasse. Das ist bei diesem Film wichtig: Seine Räume sind gestaltet. Sie sind kein zufällig vorgefundener Ausschnitt aus dem Paris von 1968, und der Film ist auch kein damaliges Strassendokument.
Ich finde es deshalb ergiebiger, die Beziehungen innerhalb dieser Räume zu betrachten, als einen allgemeinen «Paris-Look» daraus abzuleiten. Wer beansprucht einen Raum für sich? Wer übernimmt die Regeln der anderen? Wie verändert eine dritte Person ein scheinbar eingespieltes Paar? Solche Fragen funktionieren auch dann, wenn man nicht jedes Filmzitat wiedererkennt.
Die Filmzitate sind Spiele mit echten Folgen
Die Figuren erkennen Filme, imitieren Gesten und messen sich an Erinnerungen an das Kino. Besonders bekannt ist die Verbindung zu Godards Bande à part und dessen Lauf durch den Louvre. Das Zitieren zeigt ihre Begeisterung, aber auch einen Unterschied zwischen gemeinsamem Spiel und wirklicher Verständigung: Eine Geste aus einem Film kann Nähe herstellen, ohne dass die Beteiligten offen aussprechen, was sie voneinander wollen.
Hier würde ich beim Fotografieren nicht die Geste nachstellen und damit die Aufgabe für erledigt halten. Interessanter ist die Frage nach ihrem Zweck. Soll eine Person souverän wirken? Gehört eine Pose zu einer Gruppe? Was passiert, wenn die Pose aufhört? Ein fotografisches Porträt kann genau an dieser Grenze spannend werden, sofern die Beteiligten mit der Situation einverstanden sind.
Die Vorlage eröffnet einen zweiten Zugang. Gilbert Adairs früherer Roman The Holy Innocents erschien 1988; die später unter dem Filmtitel veröffentlichte Fassung ist damit nicht einfach dieselbe Ausgabe mit einem neuen Umschlag. Wer den Weg zwischen literarischer Erzählung und Film vergleichen möchte, sollte diese Unterscheidung kennen.
Gilbert Adair: The Dreamers

Für den Vergleich von literarischer Erzählung und Verfilmung: die englische Faber-&-Faber-Ausgabe von 2004, ISBN 9780571216260. Sie ist nicht die ursprüngliche Ausgabe von The Holy Innocents aus dem Jahr 1988. Wähle sie, wenn dich Figuren und Erzählperspektive interessieren; eine Anleitung für Kamera oder Beleuchtung ist sie nicht.
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Das englische Buch ist eine Möglichkeit zum eigenen Weiterlesen, kein Ersatz für den Film. Für eine allgemeinere Beschäftigung mit Bildaufbau und Bildfolgen helfen stattdessen die Bücher über Bildgestaltung und fotografisches Sehen.
Nähe kann verführerisch und unbequem sein
The Dreamers enthält Nacktheit, sexuelle Grenzspiele und eine problematische Abgeschlossenheit der Geschwister. Diese Aspekte lassen sich nicht sinnvoll aus der Interpretation entfernen. Sie sind aber auch kein Grund, den Film auf Provokation zu reduzieren. Gerade das Verhältnis zwischen Schönheit und Unbehagen entscheidet darüber, ob man die Wohnung als Freiraum, als Falle oder als beides zugleich versteht.
Die bei artechock versammelten Kritiken zeigen, dass diese Verführung unterschiedlich bewertet werden kann. Eine schöne Oberfläche erklärt noch nicht, ob der Film die Selbstbezogenheit seiner Figuren kritisch sichtbar macht oder ihr zu viel Raum gibt. Für mich ist diese offene Reibung die interessantere Diskussion als die Frage, ob die Figuren sympathisch genug sind.
Bei einem eigenen Bild lässt sich die Frage kleiner stellen: Zeige ich nur die attraktive Oberfläche eines Ortes, oder auch das, was den Aufenthalt darin schwierig macht? Ein enger Ausschnitt kann etwas schützen und zugleich ausblenden. Ein weiter Ausschnitt kann Zusammenhänge zeigen, aber auch eine Person ihrer Intimität berauben. Beides verlangt eine Entscheidung, nicht bloss einen Regler für mehr Atmosphäre.
Meine eigenen Arbeiten entstehen aus anderen Situationen. Wenn du meine fotografische Perspektive weiterverfolgen möchtest, findest du auf Instagram Bilder und Serien, bei denen du ebenfalls auf Abstand, Bildrand und das Verhältnis von Person und Umgebung achten kannst.
Spoiler: Was der Bruch am Ende verändert
Der Schluss führt die abgeschlossene Wohnung und die politische Aussenwelt wieder zusammen. Ein durch das Fenster geworfener Stein unterbricht die private Zuspitzung; auf der Strasse treten auch die unterschiedlichen Haltungen der Figuren deutlicher auseinander. Das macht aus dem Ende nicht nachträglich ein eindeutiges politisches Bekenntnis aller drei.
Meine Lesart ist: Der Rückzug kann nicht dauerhaft bestehen. Die Bilder und Spiele, mit denen sich die Figuren verständigt haben, reichen nicht aus, um ihre Entscheidungen ausserhalb der Wohnung zu verbinden. Wer das Ende nur als Befreiung liest, übersieht leicht diesen Verlust. Wer nur das Scheitern sieht, verpasst möglicherweise, dass die Bewegung nach draussen überhaupt wieder Handlung ermöglicht.
Was ich fotografisch mitnehmen würde
Nicht das Kostüm, nicht die Pariser Adresse und auch nicht eine vermeintliche Originalbrennweite. Ich würde ein eigenes Umgebungsporträt in drei Fassungen versuchen: einmal mit viel Raum, einmal mit einem deutlich gesetzten Türrahmen und einmal nahe an der Person. Danach würde ich fragen, welche Beziehung jede Fassung behauptet. Die Aufnahmen müssen nicht dramatisch aussehen. Sie sollen zeigen, dass der Bildausschnitt eine Erzählentscheidung ist.
The Dreamers lässt sich so mit À bout de souffle verbinden, ohne beide Filme gleichzusetzen: dort die Bewegung durch Paris, hier der Rückzug aus der Stadt. Vertigo stellt wiederum anders die Frage, wie stark Menschen von Bildern und Vorstellungen geprägt werden. Weitere Zugänge sammle ich in Filme für Street Photography und fotografisches Sehen.
Trailer
Der Trailer gibt einen ersten Eindruck von der Inszenierung. Er ersetzt weder den vollständigen Film noch die Auseinandersetzung mit seinen sensiblen Themen.