Chungking Express: Zufall, Einsamkeit und die Bewegung der Stadt
Chungking Express ist Wong Kar-Wais Hongkong-Film von 1994 über zwei Polizisten und zwei mögliche Neuanfänge. Seine beiden Geschichten berühren sich, ohne zu einer einzigen Liebesgeschichte zu werden. Mich interessiert daran besonders eine Spannung: Menschen können denselben engen Ort benutzen und trotzdem in völlig verschiedenen Gedanken leben. Für ein Foto ist das eine ergiebigere Frage als die Suche nach einem vermeintlichen Hongkong-Farbfilter.
Zwischen Menschen fotografieren, ohne ihre Geschichte zu erfinden
Wenn du erst eine Kamera suchst, würde ich zwischen zwei Arbeitsweisen unterscheiden. Ein kleines Zoom hilft herauszufinden, welcher Ausschnitt zu dir passt. Eine Kamera mit festem Objektiv fordert dagegen, den Standort bewusster zu wählen. Das ist keine bessere oder schlechtere Haltung, sondern eine praktische Entscheidung darüber, wie flexibel du unterwegs sein möchtest. Keine der beiden Kameras erzeugt von selbst die Bewegungsdarstellung eines Kinofilms.
Canon EOS R50 mit RF-S 18–45mm F4.5–6.3 IS STM

Für den Einstieg ohne vorhandene Systemkamera: Das Kit enthält die schwarze R50 und das passende RF-S-Zoom. Das Zoom erreicht nicht F1.8; bei wenig Licht ist es daher kein gleichwertiger Ersatz für eine lichtstarke Festbrennweite. Für vorhandene R10-/R50-Besitzer ist keine zweite Kamera nötig.
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Du kannst damit erst ausprobieren, wie viel Raum du zeigen möchtest, statt sofort mehrere Festbrennweiten zu kaufen.
Fujifilm X100VI, schwarz

Für Menschen, die unterwegs bewusst mit einem festen Ausschnitt arbeiten möchten: Das eingebaute 23-mm-F2-Objektiv zeigt ungefähr den Bildwinkel von 35 mm an Kleinbild. Du wechselst weder Objektiv noch Brennweite. Das erleichtert eine begrenzte Ausrüstung, schränkt dich aber ein, wenn der Standort nicht veränderbar ist. Für den Einstieg genügt auch eine vorhandene Kamera; prüfe vor einer zeitkritischen Bestellung den aktuellen Lieferstatus.
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Eine Imbisstheke trennt Beschäftigte und Kundschaft, bringt aber auch Blicke und wiederkehrende Wege zusammen. Wer eine solche Situation fotografiert, entscheidet mit dem Standort: Ist die Theke eine Grenze oder eine Verbindung? Gehört die Umgebung zur Begegnung, oder verschwindet sie hinter einem engen Ausschnitt? Diese Fragen lassen sich mit einer vorhandenen Kamera bearbeiten. Aus dem Gesicht einer fremden Person lässt sich dagegen nicht zuverlässig ablesen, ob sie gerade verlassen wurde.
Zwei Geschichten statt eines Rätsels mit einer Lösung
Im ersten Teil begegnet der frisch verlassene Polizist 223 einer Frau mit blonder Perücke. Danach rückt Polizist 663 ins Zentrum; Faye arbeitet am Imbiss, an dem er vorbeikommt. Takeshi Kaneshiro, Brigitte Lin, Tony Leung und Faye Wong tragen diese unterschiedlichen Begegnungen. Die Film- und Creditseite bei Criterion nennt Christopher Doyle und Andrew Lau für die Kameraarbeit sowie William Chang für die Gestaltung.
Diese Zweiteilung ist für mich keine unvollständige Verknüpfung. Sie macht sichtbar, dass die Stadt nach dem Ende einer privaten Geschichte weitergeht. Für den einen Menschen scheint gerade alles stillzustehen; nebenan beginnt jemand anderes etwas Neues. Der Imbiss verbindet diese Perspektiven räumlich. Er muss ihre Leben nicht zu einem gemeinsamen dramatischen Höhepunkt führen.
Die Ananasdosen mit einem bestimmten Ablaufdatum geben der ersten Trennung eine absurde Ordnung. Gefühle lassen sich nicht an einer Verpackungsangabe beenden, aber eine solche Regel macht Warten für eine Weile handhabbar. Ähnlich können vertraute Gegenstände zu Stellvertretern werden, wenn ein Gespräch mit dem fehlenden Menschen nicht mehr möglich ist. Das ist komisch und traurig zugleich, ohne dass jede Dose ein geheimes Symbol entschlüsseln müsste.
Wie der Film zwischen anderen Arbeiten entstand
Wong erläutert im Interview mit Tony Rayns für Sight and Sound, dass Chungking Express während einer Unterbrechung der Arbeit an Ashes of Time entstand. Er arbeitete mit einem offenen Entwurf und entwickelte Dialoge während des Drehs weiter. Das ist etwas anderes als die Behauptung, ein Film entstehe völlig ohne Planung. Kamera, Ausstattung, Darsteller und Schnitt bleiben gestaltete Zusammenarbeit.
Eine zunächst vorgesehene dritte Geschichte führte später zu Fallen Angels. Das erklärt ihre Verwandtschaft, macht sie aber nicht zu demselben Film. Chungking Express hat neben Verlust auch Leichtigkeit und Alltagskomik. Fallen Angels verschiebt den Schwerpunkt deutlicher in eine nächtliche, bedrohliche Welt.
Für mich lohnt sich deshalb der Vergleich konkreter Entscheidungen mehr als das Etikett eines einzigen Regiestils. Wie schnell darf eine Begegnung sein? Wie lange bleibt ein Gegenstand im Bild? Welche Bedeutung erhält ein Ort dadurch, dass ein anderer Mensch zurückkehrt? Wer mehrere Filme nebeneinander betrachtet, kann solche Unterschiede besser erkennen.
WKW: The Cinema of Wong Kar Wai

Wong Kar-Wai und John Powers, Rizzoli 2016, 304 Seiten, gebundene Ausgabe, ISBN 9780847846177. Für die Beschäftigung mit dem Regisseur über einen einzelnen Film hinaus. Der englische Text ist Teil der Auswahlentscheidung; der Band ist kein deutschsprachiger Einstieg und keine praktische Bedienungsanleitung für eine Fotokamera.
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Bewegung ist mehr als ein verwischter Hintergrund
Der Gegensatz zwischen rastloser Stadt und privatem Stillstand gehört zu den starken Lesarten des Films. Ich würde daraus für eigene Bilder nicht einfach «mehr Unschärfe» ableiten. Ein verwischtes Foto kann Bewegung verständlich machen; es kann aber ebenso nur unlesbar sein. Entscheidend ist, woran der Blick Halt findet: eine erkennbare Figur, eine Kante, eine Hand oder eine unverrückbare Fläche.
Für einen eigenen Versuch kannst du an einem sicheren Standort eine unbewegte Fläche mit vorbeigehenden Menschen kombinieren. Beginne mit einer Belichtungszeit, bei der du alles gut erkennen kannst, und verlängere sie schrittweise. Vergleiche anschliessend nicht nur die Stärke der Wischer, sondern ob das Foto noch eine Beziehung zwischen Mensch und Umgebung zeigt. Das ist eine fotografische Untersuchung, keine Rekonstruktion der filmischen Aufnahmetechnik.
Bleibe dabei ausserhalb von Fahrbahnen, Fluchtwegen und Eingängen. Und wenn eine erkennbare Person das zentrale Motiv sein soll, kläre Einverständnis und Veröffentlichung, statt ihre Nähe als verfügbare Kulisse zu behandeln. Eine inszenierte Geschichte bietet keine Erlaubnis, im Alltag Grenzen zu übergehen.
Faye, Musik und eine wichtige Grenze
Die wiederkehrende Musik und Fayes lebhafte Präsenz geben der zweiten Geschichte einen anderen Rhythmus. Ein Lied kann im Film Handlung, Stimmung und Wunsch nach einem anderen Leben verbinden. Im einzelnen Foto fehlt diese zeitliche Spur. Wenn ich eine Bildserie zusammenstelle, würde ich deshalb eher nach wiederkehrenden Formen und Unterbrechungen suchen als versuchen, einen Song durch eine bestimmte Farbtemperatur zu ersetzen.
Fayes heimliche Besuche in der Wohnung von 663 sind zugleich ein Punkt, an dem eine heutige Betrachtung Abstand zur romantischen Oberfläche braucht. Der Film kann diese Handlung spielerisch erzählen; unerlaubtes Betreten einer Wohnung wird dadurch im wirklichen Leben nicht harmlos. Die Figuren müssen nicht in allem Vorbilder sein, damit eine Begegnung filmisch interessant bleibt.
Amy Taubin betont in ihrem Criterion-Essay die jugendliche Energie und die Wiederholungen des Films. Als Gegenakzent interessiert mich, wie schnell solche Energie für einen Betrachter auch zur Pose werden kann. Wenn ein Bild vor allem signalisiert, wie cool seine Form ist, kann die gezeigte Beziehung dahinter verschwinden. Diese Frage würde ich auch an eine eigene Auswahl stellen: Bleibt ausser der attraktiven Oberfläche etwas zu entdecken?
Die Beschäftigung mit Licht und Bildfolgen führt für mich aus dem Kino zurück zur eigenen Fotografie. Auf Instagram zeige ich dafür meine eigenen fotografischen Arbeiten, nicht nachgestellte Filmstills.
Chungking Express und In the Mood for Love: nicht dieselbe Art von Nähe
Bei In the Mood for Love stehen Zurückhaltung, wiederkehrende Wege und das gesellschaftliche Umfeld stärker im Vordergrund. Chungking Express erlaubt mehr Sprünge, Alltagskomik und ungleiche Geschwindigkeiten. Wer beide nur auf kräftige Farben und Einsamkeit reduziert, verliert gerade diese Unterschiede.
Das hilft auch bei der Bildauswahl. Eine ruhige Folge ähnlicher Ausschnitte kann eine kleine Veränderung wichtig machen. Eine Folge stark wechselnder Ansichten kann dagegen vermitteln, wie wenig Halt eine Situation bietet. Beides hat seinen Platz. Ich würde zuerst entscheiden, welche Erfahrung eine Serie vermitteln soll, und erst dann die einzelnen Bilder nach ihrer Wirkung zusammenstellen.
Trailer und weiterführende Einordnung
Der Trailer bietet einen begrenzten Eindruck von Figuren und Rhythmus, nicht den Zusammenhang des vollständigen Films. Für eine vertiefende Einordnung führt mein Text über Wong Kar-Wais fotografische Bildsprache zu den anderen vorhandenen Besprechungen.
Was sich für das eigene Sehen mitnehmen lässt
Für mich liegt die fotografische Anregung von Chungking Express nicht in einer Einkaufsliste oder einer festen Farbpalette. Sie liegt darin, einen alltäglichen Ort mehrfach ernst zu nehmen: als Arbeitsplatz, Warteplatz, Begegnung und Grenze. Wenn sich die Menschen ändern, kann derselbe Ausschnitt etwas anderes erzählen. Dafür muss eine Aufnahme nicht wie ein Film aussehen. Sie muss nur deutlich genug zeigen, welche Beziehung du im Bild wichtig findest.